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Homöopathisches (mit Nachtrag)
Sonntag, den 11. Juli 2010Ich bin ja selten mit Ideen der Politik einverstanden, die das Gesundheitssystem betreffen — aber der Ansatz, Homöopathie aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen, hat doch mal was. Immerhin traut sich mal jemand, öffentlich die (nicht besonders originelle) Meinung zu äußern, daß Homöopathika wenn überhaupt, dann nur ob eines Placebo-Effekts wirken. Von wegen “wer heilt hat recht” — wer behauptet zu heilen, muß die Wirksamkeit seiner Methode nachweisen (wohlgemerkt die Wirksamkeit, anhand einer sauberen Wirksamkeitsstudie und nicht das Wirkprinzip. Denn das ist auch bei vielen schulmedizinischen Methoden alles andere als komplett verstanden, was aber auch gar kein Problem darstellt).
Und um gleich noch mit einem zweiten Mythos aufzuräumen: “Wenns schon nichts nützt, kann es doch zumindest nicht schaden”, behaupten ja gerne die leicht-verstrahlten Mütter, die ihre wehrlosen Kinder mit “Kügelchen” abfüttern. Falsch, ganz falsch: Negative organische Auswirkungen werden die Traubenzucker-Pillen zwar in der Tat nicht haben. Auf einer anderen Ebene grenzt ihr Einsatz aber tatsächlich an Kindesmißbrauch: Wer seinen Kindern systematisch eintrichtert, daß jedes noch so kleine Unwohlsein und jedes echte Krankheitsbild wirksam mit einer Pille behandelbar ist, erreicht nur eines: Die Kinder werden abhängig von den Placebos. So wird schließlich jedes angestoßene Knie zu einer kleinen Katastrophe, wenn die Mutter gerade mal nicht mit ihrem Sortiment an Hochpotenziertem bereitsteht. Wenn auf der anderen Seite echte Symptome mit wirkungslosen Medikamenten “behandelt” werden statt echte medizinische Hilfe zu suchen, droht um so schlimmeres. Da helfen dann im Zweifelsfall auch Muttis Rescue-Tropfen nicht mehr.
Vielleicht ist der Vorstoß, Homöopathie aus dem Kassenkatalog zu nehmen, ja ein Anstoß zu einem breiten Umdenken: Homöopathie ist alles andere als “sanfte” oder “natürliche” Medizin. So notwendig es in manchen Fällen sein mag, Medizin nur als lehrbuchmäßige Reaktion auf Symptome zu sehen und psychosomatische Aspekte zu ignorieren, so verwerflich ist es auf der anderen Seite, wenn breite Bevölkerungsschichten einer mittelalterlichen Quacksalberei anhängen.
P.S.: Kein gutes Zeugnis stellen sich die Grünen mit ihrer Kritik des SPD-Vorstoßes aus. Renate Künast wird folgendermaßen zitiert:
Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung von Heilmitteln zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt.
Ja und? Homoöpathika sind keine natürlichen Heilmittel (abgesehen davon, daß sie gar keine Heilmittel sind). Naturmedizin und Homöopathie sind grundverschiedene Dinge und die meisten Naturmediziner werden sich dagegen verwahren, mit den Globuli-Quacksalbern in einen Topf geworfen zu werden (via Mario Sixtus.)
Ausgeraucht (Update)
Dienstag, den 6. Juli 201061 Prozent fürs Rauchverbot in Bayern. Und erstaunliche Erkenntnisse:
- Größter Wahlkampfhelfer der Befürworter des Rauchverbots dürfte der Frontmann ihrer Kontrahenten gewesen sein. Die “Nein”-Fraktion hat sich bestimmt keinen Gefallen damit getan, jemand wie Franz Bergmüller zum Sprecher zu machen und den obskuren “Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur” die Öffentlichkeitsarbeit machen zu lassen. In Interviews befleißigte sich Bergmüller einer so polemischen und ungeschliffenen Sprache, lavierte um die (ja offenbar zutreffenden) Gerüchte herum, seine Kampagne sei von der Tabaklobby finanziert worden, erörterte ausführlich den gar nicht erhobenen Vorwurf der persönlichen Bereicherung und gibt nun nach dem Scheitern seiner Initiative die beleidigte Leberwurst: Warum die Menschen “automatisch für den Volksentscheid” stimmen, wenn sie nicht zur Abstimmung gehen, weiß wohl nur er selbst. Und Sätze wie “Die irreführende Suggestion der Gegenseite, dass das Rauchen wieder überall gestattet werden kann, wenn man nicht mit Ja stimme sowie deren Positionierung als Gutmenschen, habe damit gezogen” kommen nicht nur sprachlich von der Müllhalde, sondern zeigen, daß hier wenig mehr als kleingeistiges Klischeedenken hinter der blanken Stirn arbeitet.
- Ganz nebenbei sei mal erwähnt, daß der stets bemühte Superlativ vom “strengsten Raucherschutzgesetz in Deutschland” gar nicht mehr so beeindruckend klingt, wenn man einen Blick auf das Ausland wirft: Bayern ist hier nun in bester Gesellschaft mit einer großen Zahl von Ländern, in denen ein totales Rauchverbot in der Gastronomie längst und ohne Probleme praktiziert wird.
- Nicht zuletzt ist auch erstaunlich, welche Reflexe alleine das Wort “Bayern” auch bei ansonsten intelligenten Menschen auslöst. So twittert Mario Sixtus Sentenzen wie “In Bayern wäre wahrscheinlich auch ein Volksentscheid für Kerkerhaft bei gotteslästerlichen Äußerungen erfolgreich gewesen.”
- Die interessanteste Frage ist aber, was denn passiert wäre, wenn die Staatsregierung statt ihrer Vogel-Strauß-Taktik (“Wir haben uns schon mal an dem Thema die Finger verbrannt, da halten wir uns jetzt lieber raus”) clever agiert hätte. Nämlich z.B. mit einem durchdachten Alternativentwurf, der Ausnahmen zum totalen Rauchverbot nicht in der bisherigen Form fast beliebig möglich gemacht, sondern klare Grenzen abgesteckt hätte. Der klare Sieg des Volksentscheids ist nun nicht zuletzt auch eine schallende Ohrfeige für die Arroganz der politischen Klasse in München.
Noch drei Nachträge:
- Das Nachtheft des Nürnberg Amtes für Stadtforschung und Statistik bietet wie immer eine einsichtsreiche Analyse der Wahlergebnisse. Insbesondere zeigt es, daß (zumindest in Nürnberg) die Polemik der Unterlegenen, man sei ja nur Opfer der geringen Wahlbeteiligung geworden, tatsächlich bestimme nun eine Minderheit über das Verhalten einer (angeblichen) Mehrheit von Rauch-Befürwortern, völlig falsch liegt.
Nicht nur hat der Volksentscheid gerade in den schwarz-gelben Hochburgen überdurchschnittlich viele Ja-Stimmen erzielt. Auch half eine niedrige Wahlbeteiligung nicht (wie von den Unterlegenen behauptet) der Ja-, sondern der Nein-Fraktion. Der deutliche Sieg des Volksentscheids kam also offenbar trotz einer besseren Mobilisierung der Gegner zustande und nicht, wie von denen behauptet, wegen der niedrigen Wahlbeteiligung. Der höhere Ja-Anteil bei den Briefwählern deutet allerdings darauf hin, daß es der Ja-Fraktion gelungen ist, im Vorfeld einen besseren Wahlkampf für ihr Anliegen zu machen. - Erstaunlich ist zuletzt noch, wie es bei einer Abstimmung, bei der man nur “Ja” oder “Nein” ankreuzen kann, zu ungültigen Stimmen kommen kann. Was haben die immerhin 261 Nürnberger WählerInnen, die eine ungültige Stimme zustande gebracht haben? Aus dem Stimmzettel ne Ecke rausgerissen und eine Fluppe gedreht oder was?
- Besonders drollig: Ein anonymer Leserbrief-Schreiber an die Rauchverbots-Gegner meint den Grund für den Ausgang des Volksentscheids ausgemacht zu haben: Die Raucher seien zu dumm gewesen, den Stimmzettel zu lesen …



