Medienkompetenz und so
Mittwoch, den 18. März 2009In den Nürnberg Nachrichten ist heute ein Leserbrief von mir zum Amoklauf von Winnenden (bzw. zur Reaktion der Medien darauf) erschienen.
Leider wurde dieser (aus Platzgründen, wie ich vermute) gekürzt abgedruckt, weshalb ich ihn hier nochmals komplett dokumentiere. Die gekürzten Stellen sind kursiv formatiert:
Alexander Jungkunz nutzt seinen Leitartikel zum Amoklauf von Winnenden für ein Plädoyer für mehr Medienkompetenz. Richtig so!
Seine Aussage, die Seiten der Tageszeitungen böten in der Flut der Internetquellen “zuverlässige” Informationen läßt mich aber doch schmunzeln.
Tatsächlich war die Winnenden-Berichterstattung kein Ruhmesblatt für die traditionellen Medien. Unisono fielen sie auf die Falschmeldung über die angebliche Ankündigung des Amoklaufs herein. Daß man den (wie sich inzwischen herausstelle) frei erfundenen Angaben eines Polizeisprechers glaubte — geschenkt. Aber daß sich kein einziges der Qualitätsmedien mit dem Betreiber des Forums in Verbindung setze, in dem die Ankündigung angeblich erschienen war, ist schon ein Skandal. Daß darüber hinaus niemand merkte, daß dieses Forum gerade keine seriöse Informationsplattform sein will, sondern Spielplatz für Leute, die sich ihre Bildmanipulationen austauschen, wirft ein trübes Licht auf die Medienkompetenz der traditionellen Medien. Und auch daß die Nürnberger Nachrichten (anders als viele andere Medien) ihre eigene falsche Online-Berichterstattung nicht richtigstellen oder kommentieren, sondern die Falschbehauptung immer noch in mehreren Artikeln online steht, deutet auf mangelndes Verständnis für die neuen Medien hin.
Wer unmittelbar nach den ersten Berichten über die angebliche Ankündigung des Amoklaufs gut informiert werden wollte, wurde im Internet abseits der traditionellen Medien übrigens durchaus fündig: Er konnte binnen kürzester Zeit in zahlreichen Blogs Analysen der Ankündigung finden, die sie als offensichtliche Fälschung enttarnten – — Analysen, die von den traditionellen Medien größtenteils ignoriert wurden, wo es ihre Aufgabe gewesen wäre, sie nachzurecherchieren und solide aufzubereiten.
Es ist schon richtig: Medienkompetenz ist heute wichtiger denn je. Medienkompetenz hat aber nur, wer vom schlichten “Print gut — Internet böse” Abstand nimmt.
Den selben Rat muß man übrigens auch den versammelten Law-and-Order-Politikern geben, die mal wieder Internet und “Killerspiele” für den Amoklauf verantwortlich machen. Sie seien daran erinnert, daß der Amokläufer von Winnenden nicht beim Counterstrike-Spielen erstmals mit Waffen in Berührung gekommen ist, sondern im örtlichen Schützenverein. Und daß er aus einem Elternhaus stammt, in dem scharfe Waffen und Munition offensichtlich Alltagsgegenstände sind und so frei zugänglich herumliegen, daß sich ein Siebzehnjähriger eben mal bedienen kann.
Wenn die genannten Politiker einmal nicht das für alles Schlechte in der Welt verantwortlich machen würden, was sie nicht kennen oder nicht kennen wollen, sondern den Mut hätten, den (in unserer Gesellschaft als Sport verbrämten) Waffenwahn anzuprangern, hätten die Diskussionen, die sich nach jedem neuen Amoklauf entspinnen, vielleicht endlich mal ein positives Ergebnis.
Auf der Internetseite der NN ist übrigens die Behauptung von der Amokankündigung durch den Täter (die sich ja schnell als Fälschung herausgestellt hatte, obwohl die Polizei mit Nachdruck das Gegenteil behauptete) noch immer zu lesen. Vermutlich sind die NN der Meinung, daß das Onlineangebot einer Zeitung nur deren Druckausgabe widerspiegeln soll. Falsch — auch ein Medium, das nur halbherzig online präsent ist, kann und muß die Möglichkeiten des neuen Verbreitungsweges nutzen. Man müßte die genannten Artikel ja nicht mal löschen, ein redaktioneller Vorspann mit einem Verweis auf eine Richtigstellung würde niemandem einen Zacken aus der Krone brechen sondern vielmehr (Achtung Herr Jungkunz) Medienkompetenz demonstrieren. (Gelernt hat das inzwischen ja sogar Spiegel Online. Die Tagesschau befindet sich mit den NN allerdings in guter Gemeinschaft.)



